Volker Kauder

Mitglied des Deutschen Bundestages

Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag

 

Zu Ihrem diesjährigen Kongress in München sende ich Ihnen persönlich und im Namen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion herzliche Grüße.

Mit dem Thema "Wahrheit" nehmen Sie sich auf Ihrem Kongress eines Themas an, das aus philosophischer, rechtlicher und theologischer Perspektive von großer Bedeutung ist. Gleichzeitig können wir nicht umhin, festzustellen, dass es die theologische Gewissheit, wie sie der Evangelist Johannes mit den Worten Jesu "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14,6) klar formuliert, also die Gewissheit eines einzigen und wahren Weges, in der Politik nicht gibt. Dass Politiker gegenüber ihren Wählern der Wahrheit verpflichtet sind, ist eine Selbstverständlichkeit. Demokratische Systeme haben durch ihre auf Zeit erteilten politischen Mandate einen Selbstregulierungsmechanismus. Denn falsche Aussagen würden früher oder später das Ende einer politischen Karriere einleiten.

Wer allerdings die Erkenntnis oder Umsetzung absoluter Wahrheit in politischen Entscheidungen sucht, der ist in der Politik fehl am Platze. Schließlich beginnt Politik immer mit dem Betrachten der Wirklichkeit, und die ist häufig um ein Vielfaches facettenreicher als es sich bei erster Betrachtung erschließt. Selten gibt es nur den einen wahren Weg. Häufig ist schon die Wahrnehmung der Wirklichkeit selbst widersprüchlich und stellt sich aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich dar. Auch sind die Auswirkungen politischer Entscheidungen nicht immer sicher zu prognostizieren. Hinzu kommt das Erfordernis, politische Kompromisse zu schließen.

Politik verlangt mehr als Wahrheit: Sie verlangt Wahrhaftigkeit. Die Wähler erwarten zu Recht, dass Politiker ihren Überzeugungen treu bleiben und für diese kämpfen. Für Christdemokraten bedeutet dies, dass das christliche Menschenbild Richtschnur für politische Entscheidungen ist und bleibt. Darin verbindet sich der Glaube an die Freiheit des Menschen mit der Skepsis vor ideologischen Großentwürfen. Zur Wahrhaftigkeit gehört es genauso, unangenehme Fakten auch dann zu sagen, wenn dies politisch nicht opportun ist. Denn die Wahrheit ist immer korrekt. Für mich gehört dazu etwa, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Abtreibungen Unrecht sind und sich nicht mit der aktuellen Situation abzufinden. Ein weiteres Beispiel: Es ist mir ein Anliegen, auf Auslandsreisen auf die besondere Situation verfolgter Christen hinzuweisen, auch wenn die Gesprächspartner das nicht gerne hören.

Zuletzt wissen wir als Christen, dass die "Wahrheit" noch eine ganz andere Dimension hat – dass wir nämlich durch Jesus Christus, den Mensch gewordenen Gott, befreit sind. Durch den Glauben an ihn haben wir den Zugang zum wahrhaftigen Gott, er ist die Wahrheit. Mit dieser Rückbindung können wir die Herausforderungen in unserem Leben, in Beruf und Politik mit Gottvertrauen angehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen interessante und fruchtbare Diskussionen sowie einen guten und erfolgreichen Verlauf Ihres Kongresses.