Rede frei! Bekenne frei!

Bundestagung 2019 in Wiesbaden 

„Rede frei! Bekenne frei!“ Unter diesem Motto trafen sich rund 100 „Christen und Juristen“ (die Christinnen und Juristinnen sind mitgemeint) zur Bundestagung 2019. Nach der Begrüßung und Einführung ins Thema und der Vorstellungsrunde folgte am Freitagabend der Erfahrungsbericht eines Christen und Juristen. Dr. Felix Böllmann skizzierte seinen Weg als Student, Doktorand, Rechtsanwalt und Unternehmensjurist, der ihn von Leipzig u.a. nach Moskau, Minsk, Limassol, Bregenz und Straßburg führte. Die Schilderung seiner aktuellen Tätigkeit bei der Organisation ADF International (Alliance Defending Freedom), die sich für Religionsfreiheit einsetzt und Diskriminierungsopfer rechtlich unterstützt, waren eine anschauliche Hinführung zum Tagungsthema.

Daran anknüpfend folgte ein weiteres Highlight: die Vorstellung der gemeinsam von der Deutschen Evangelischen Allianz, Christ und Jurist und ADF herausgegebenen Broschüre „Rede frei! Mit Recht über das Evangelium sprechen“ (siehe auch separaten Bericht) und die Verteilung der ersten, quasi „druckfrischen“ Exemplare. Rechtsanwältin Astrid Bittner und Rechtsanwalt Mark Bittner, die einen großen Teil der Inhalte beigesteuert hatten, berichteten über die Entstehung und ihre Motivation. Mit Hartmut Steeb und Dr. Reinhardt Schink kamen auch der alte und der neue Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz zu Wort, mit Prof. Dr. theol. Dr. Phil. Thomas Schirrmacher der stellvertretende Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz. Eine PDF-Version der Broschüre kann hier heruntergeladen werden.

Am Samstagvormittag standen Vorträge von Professor Schirrmacher und Professor Dr. Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule Gießen auf dem Programm. Prof. Schirrmacher legte in seinem mit vielen Beispielen und Anekdoten angereicherten Vortrag dar, „Warum christlicher Wahrheitsanspruch und Religionsfreiheit zusammengehören“. Mission gehöre zutiefst zum Wesen der Kirche. Der richtig verstandene Missionsauftrag setze aber die Anerkennung der Freiheit, sich für oder gegen den Glauben zu entscheiden, voraus. Schirrmacher verwies auf die 2011 vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und der Weltweiten Evangelischen Allianz veröffentlichte Erklärung „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“. Dieses Dokument bezeichnete Schirrmacher als Plädoyer für die Religionsfreiheit und als „offizielles Schlussdokument für das konstantinische Zeitalter“, das heißt als Ende der Ära, in der die Großkirchen versuchten, mithilfe des Staates Menschen zum Glauben zu bekehren.

 

„Wo ist die Toleranz geblieben?“ – dieser Frage ging Prof. Raedel in seinem Vortrag nach. Er zeigte auf, dass sich in Europa infolge der Religionskriege die Einsicht entwickelt habe, dass Wahrheitsansprüche nicht gewaltsam durchgesetzt werden dürften. Die jeweilige Mehrheit habe andersgläubigen Minderheiten daher Toleranz entgegenbringen müssen. In der Folge sei jedoch mit der zunehmenden Säkularisierung neben dem Machtanspruch der Religionen auch ihr Wahrheitsanspruch zurückgedrängt worden. Es habe sich eine in Gleichgültigkeit wurzelnde Toleranz entwickelt, die keinen eigenen Standpunkt (in Wahrheitsfragen) mehr kennt. Raedel legte weiter dar, dass sich seit der Romantik im Windschatten der Toleranz eine Forderung nach Akzeptanz entwickelt habe. Dabei sei Akzeptanz verstandenen worden als Annahme der Person „so, wie sie ist“ unter Verzicht auf jede Form der Kritik und Infragestellung. Der von manchen erhobenen Forderung nach „Akzeptanz“ genüge nicht mehr, wer „nur“ das Recht anderer anerkennt, ihre eigenen Überzeugungen zu haben und danach zu leben, sondern nur, wer Überzeugungen und Praktiken der Minderheit als gleichwertig anerkenne. Vermeintliche „Intoleranz“ werde zur Sünde der neuen Zeit. Es werde übersehen, dass die Forderung nach „Akzeptanz“ nur vermeintlich „neutral“ sei. In Wahrheit führe sie zur echten Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen im Namen der Toleranz.

Der geplante Vortrag von Prof. Dr. Wittreck zum „Recht als Grund und Grenze der Meinungs- und Bekenntnisfreiheit“ entfiel leider krankheitsbedingt. Stattdessen gab es die Gelegenheit, im Plenum und in anschließenden Workshops einzelne (verfassungs-)rechtliche oder rechtspolitische Fragen und Probleme im Zusammenhang mit der Meinungs- und der Religionsfreiheit zu diskutieren und die Themen der Vorträge zu vertiefen.

Auch auf unterhaltsame Weise beschäftigten wir uns mit Recht und Freiheit: Eingerahmt von Freiheitsliedern (dargeboten von Rechtsanwalt Johannes Fiedler) konnten wir, aufgeteilt in zwei Teams, an einem von Bielefelder Jurastudenten vorbereiteten Quiz teilnehmen und Fragen aus den verschiedensten Rechtsgebieten (vom alttestamentlichen Recht bis zum Weltraumrecht) beantworten. Wo das exakte Wissen fehlte, war gutes Judiz beim Raten angesagt.

Im Sonntagsgottesdienst hörten wir eine Predigt von Rechtsanwalt Dr. Patrick Menges zum Thema „Zeuge sein“, als Vorbild diente dabei der geheilte Blindgeborene (Johannes 9). Im Rahmen des Gottesdienstes wurde schließlich auch noch einmal unseres am 26.04.2019 verstorbenen langjährigen Mitglieds Hans Josef Reisz gedacht.

Andreas Warkentin