Steeb

Hartmut Steeb

Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz

 

„Freiheit, die ich meine“

 Wir leben in einer freiheitsliebenden Welt und das ist gut so. Jeder will doch selbst entscheiden, wie er leben will. Seine Lebensziele will jeder selbst bestimmen. „Selbst“ ist darum eines der Hauptworte unserer Zeit und vielleicht sogar ein Synonym für persönliche Freiheit. Aber wir sollten zur Kenntnis nehmen: Das entscheidende des Lebens können wir uns nicht selbst erarbeiten. Auch wenn das „Selbst“ Hochkonjunktur hat und die Menschen in ihrer Selbstüberschätzung auch noch selbst bestimmen wollen, wann ihr Leben zu Ende gehen soll, plädiere ich für einen nüchternen Realismus. Keiner von uns hat nämlich selbst die wichtigsten Entscheidungen seines Lebens gefällt. Keiner hat selbst bestimmt, dass er als Mensch in diese Welt kommt. Keiner hat selbst bestimmt, wann und wo, unter welchen Umständen, in welche Familie hinein, in welche gesellschaftlichen Umstände hinein er geboren wurde. Auch Vater und Mutter hat sich niemand selbst ausgesucht, die Geschwister schon gar nicht. Keiner hat sich seine genetischen Anlagen selbst zusammen gemischt. Keiner hat sich seine Begabungen selbst erarbeitet. Und darum ist auch selbst das, was einer kann, leistet und erreicht, höchstens zu einem kleinen Teil eigener Verdienst. Darum ist es auch nötig, dass wir die Selbstbeweihräucherung der Selbstbestimmung und Selbstentfaltung durchaus entmythologisieren und deutlich machen, dass es nicht so weit her ist mit dem „Selbst“. Es ist wichtig, dass wir das Märchen von der Selbstbestimmung begraben, die anscheinend nötig wäre für ein lebenswertes Leben. Darum braucht z.B. sich auch niemand darum zu sorgen, dass er zu lange auf dieser Welt leben würde. Bisher sind sie alle irgendwann gestorben. Das ist todsicher. Und wenn es manchem so erscheinen mag, dass Gott einen vergessen hätte zu holen – keine Sorge. Jeder kommt dran. Wir müssen – und wir dürfen – da nicht nachhelfen!

Und weil wir die entscheidenden Eckpunkte unseres Lebens eben gerade nicht selbst bestimmt haben und selbst bestimmen können, ist es auch wichtig, die Frage der Freiheit nicht zu überziehen. Unser persönliches Leben hat schon einen klaren Rahmen. Unser gesellschaftliches Leben braucht auch diesen klaren Rahmen. Freiheit darf nicht mit Grenzenlosigkeit verwechselt werden. Die individuelle Freiheit muss die Grenze auch weiterhin dort haben, wo durch Selbstbestimmung die Freiheit des Anderen eingeschränkt wird. Und darum bedarf es auch einer klaren gesetzlichen Festlegung, damit jemand ein Höchstmaß an Freiheit gewährt werden kann, gegebenenfalls auch dadurch, dass anderen Beschränkungen auferlegt werden.

So freue ich mich sehr, dass Sie bei diesem Kongress das große Thema Freiheit gewählt haben. Denn es ist für unsere Gesellschaft geradezu existentiell nötig, eine klare Freiheitsbestimmung zu schaffen. Und das ist nicht zuletzt eine juristische Herausforderung. Ich wünsche Ihnen für dieses Nachdenken in meiner Heimatstadt Stuttgart Mut zum Grundsätzlichen und vor allem Gottes Segen.