July

Dr. h.c. Frank Otfried July

Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

 

Jüngst hielt der Philosoph Otfried Höffe fest: „Die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, sie macht seine Würde aus.“ Weder aus theologischer noch aus juristischer Sicht heraus ist das unter den Bedingungen einer pluralen, demokratischen Gesellschaft zuerst einmal zu bezweifeln, gerade auch, wenn die Würde des Menschen nach christlicher Tradition ja eine von Gott verliehene ist.

Und gleichwohl ist die Freiheit nicht nur ein konstitutives Element des Menschseins, resultierend aus seinem freien Willen, sondern auch eine Herausforderung für ein frei gewähltes Zusammenleben in Verantwortung. Dieser Herausforderung der Freiheit nähern sich die beiden altehrwürdigen Geisteswissenschaften in ihrer Weise und mit den ihr eigenen Traditionen. Gerade deshalb ist es wichtig, über diese je eigenen Zugänge immer neu in ein Gespräch einzutreten.

Drei Tage lang widmen Sie sich daher beim Kongress „Christ und Jurist“ dem Thema Freiheit und damit auch einem grundlegenden Aspekt christlicher Existenz. Martin Luther hat in der sogenannten Freiheitsschrift von 1520 dargelegt, wie sehr ein Christenmensch von den beiden Polen der Dienstbarkeit und der Freiheit bestimmt ist. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“, und doch zugleich ein „dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. Christliche Freiheit beschreibt Martin Luther im Gegenüber zu Gott und den Mitmenschen. Während den Mitmenschen gegenüber die Nächstenliebe das höchste Gebot ist, steht  bei Gott die Gabe der Freiheit im Mittelpunkt. Gott ist es, der dem Menschen Würde und Gestaltungsraum verleiht, denn: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1).

Im Zusammenspiel von Recht und Glaube wird deutlich, dass es in beidem nicht um das Verhindern, sondern das Ermöglichen von gestalteter Freiheit geht. Eine Freiheit ist das, die Autonomie und Weltverantwortung im Kontext ihrer Gottesbeziehung angemessen zu einander bringt. Die Theologie setzt dabei auf die Grenzen der Freiheit des Einzelnen als Geschöpf unter Mitgeschöpfen und zugleich auf die Zusage, Gottes Ebenbild zu sein und daher in die tätige Verantwortung gerufen zu sein.

Angesichts großer ethischer Herausforderungen, die sich in den letzten Jahren in der Debatte um die rechtliche Neuregelung der Sterbehilfe gezeigt haben, begegnen sich Theologie und Rechtswissenschaft hoffentlich in Zukunft noch stärker als konstruktive Diskurspartner. Ich wünsche allen Tagungsteilnehmern eine ebenso anregende wie nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Thema Freiheit, dazu anregende Diskussionen und die fröhliche Erfahrung christlicher Gemeinschaft.