Schavan

Annette Schavan

Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl

 

Zur Freiheit berufen und zur Verantwortung befähigt

Zur Freiheit berufen zu sein, das ist eine biblische Zusage an die Christen. Wenn wir heute gefragt werden, wovon unser christliches Selbstverständnis geprägt ist, dann gehört dazu zuvörderst der Glaube an Gott, der Menschen zur Freiheit ermutigt und ihre Begabungen aufmerksam wahrnimmt. Unsere Aufgabe als Christen besteht deshalb auch darin, den Raum des öffentlichen Lebens als einen Raum der verschiedenen Freiheiten zu erkennen und zu gestalten. Chancen und Grenzen der Freiheit liegen manches Mal nahe beieinander. Die Grundhaltung des Respektes hilft beim Umgang mit der Freiheit und auch dabei, kulturelle und gesellschaftliche Verengungsgeschichten zu vermeiden.

Freiheit hat zu allen Zeiten provoziert; sie war und ist gefährdet. Die ersten Christen wurden in der Apostelgeschichte als Anhänger des neuen Weges bezeichnet und verfolgt. Bis heute werden Menschen wegen ihres Glaubens und ihres Wunsches nach der Freiheit des Glaubens unter Druck gesetzt, verfolgt und getötet. Die Furcht vor der Freiheit existiert heute ebenso wie die Verwechslung von Freiheit und Beliebigkeit.

Zur Freiheit berufen zu sein, das bedeutet für uns auch, der Freiheit immer wieder neue Wege zu ebnen. Dabei kann uns auch die Ermutigung des Heiligen Papstes Johannes Paul II. an die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc helfen. Bei seiner Amtseinführung sagte er: „Habt keine Angst! Öffnet, reißt die Tore auf für Christus. Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine rettende Macht!".

Für Ihren Kongress zur Bedeutung von Freiheit für das Rechtswesen wünsche ich Ihnen inspirierende und zukunftsweisende Begegnungen und Gespräche. Ich grüße Sie aus Rom mit allen guten Wünschen.