Der Rechtsstaat ist "wie das tägliche Brot, wie Wasser zum Trinken und wie Luft zum Atmen". Mit diesen Worten Gustav Radbruchs betonte der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier auf der Bundestagung von Christ und Jurist die zentrale Bedeutung des Rechtstaats für unser Gemeinwesen. Die Teilnehmer der Tagung rief er dazu auf, sich für die Herrschaft des Rechts und für die Geltung der Freiheit einzusetzen. Die gegenwärtigen Herausforderungen zeigten, dass der Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit sei und dass er der behutsamen Pflege und ständigen Verbesserung bedürfe.

Über 130 christliche Juristinnen und Juristen aus verschiedenen Berufen hatten sich im Johannesstift in Berlin-Spandau zusammengefunden, um gemeinsam mit prominenten Gesprächspartnern das Thema "Einsatz für den Rechtsstaat" in den Blick zu nehmen. Zum Auftakt berichtete Nicola Beer, Rechtsanwältin und Generalsekretärin der FDP, über ihre Erfahrungen als christliche Juristin und Politikerin und ihre persönliche Motivation zum Engagement im Rechtsstaat. Freiheit und Verantwortung skizzierte sie als Triebfedern für ihren eigenen Einsatz in der Politik. Ermutigend war es zu hören, wie sie auch bei hartem Gegenwind, z.B. aus den sozialen Netzwerken, zu ihrem Glauben steht und diesen bekennt.

Neben der Rechtswissenschaft und der Politik kam auch die Theologie zu Wort: Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein sprach über "Politische Verantwortung aus biblischer Sicht". Anhand der Erzählung vom Steuerdenar (Markus 12) räumte er mit Missverständnissen über das Verhältnis der Christen zur staatlichen Gewalt auf und entfaltete neutestamentliche Perspektiven auf ein geistlich motiviertes, säkulares und vernunftbestimmtes Verhältnis zum Staat. Gerade um der Herrschaft Gottes willen dürfen und sollen sich Christen im Staat einbringen, so Eckstein.

Zahlreiche Workshops gaben den Teilnehmern der Tagung Gelegenheit, Themen zu vertiefen oder zusätzliche Aspekte zu besprechen, etwa zu den Themen "Religionsfreiheit", "Christliche Werte in der Politik" oder "Aufnahme von Geflüchteten". So diskutierte Jens Gnisa, Vorsitzender des Deutschen Richterbunds, mit den Teilnehmern über Erosionserscheinungen des Rechtsstaats und über die besonderen Herausforderungen der Justiz. Über Religionsfreiheit in Deutschland und die Situation der orientalischen Christen kamen Katharina Berner, juristische Referentin beim Bevollmächtigten des Rates der EKD und Paulus Kurt von der Internationalen Gesellschaft Orientalischer Christen mit dem Auditorium ins Gespräch. Um die Frage nach christlichen Werten in der Politik ging es im Workshop mit Uwe Heimowski, der die Deutsche Evangelische Allianz beim Bundestag vertritt.

"Manchmal schlimm, immer schön". Unter diesem Motto präsentierte Rechtsanwalt Johannes Fiedler mit Auszügen aus der Autobiographie Wolfgang Wüstefelds persönliche Einblicke und Erinnerungsstücke an ein Leben als Christ und Brückenbauer in zwei deutschen Unrechtsstaaten. Mit einem ökumenischen Festgottesdienst wurde die Tagung am Sonntag beschlossen. Prälat Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, hob in seiner Predigt zu Johannes 10 hervor, dass sich Jesus als guter Hirte für die Menschen hingibt und damit auch uns dazu befähigt, uns nach seinem Vorbild für andere einzusetzen.

> Das Programm der Bundestagung 2018 können Sie hier nachlesen.

> Einen Rundfunk-Kurzbeitrag des ERF unter dem Titel "Wir haben einen Gott, der das Recht liebt" finden Sie hier.

Die nächste Tagung des Netzwerks Christ und Jurist findet als Europäische Netzwerktagung vom 4. bis 7. Oktober 2018 in Berlin unter dem Motto "50 Nations – 1 Fellowship" statt und wird gemeinsam mit Lawyers‘ Christian Fellowship (LCF) veranstaltet.

> Zur Webseite der Europäischen Netzwerktagung 2018 "50 Nations – 1 Fellowship"

Foto: Andreas Wetzel